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4. Mythos: elektronische Klänge mit dem "Synthi 100"

4.1 Technische Voraussetzungen

Sieben Jahre nach Fertigstellung seiner ersten Arbeit für den Westdeutschen Rundfunk in Köln erhielt Höller seinen zweiten Kompositionsauftrag vom WDR und damit die zweite Gelegenheit, im Elektronischen Studio der Rundfunkanstalt tätig zu werden. Bereits bei der ersten Besichtigung zur Vorbereitung der Komposition Mythos wird dem Komponisten eine Neuerung aufgefallen sein, die sich schon durch ihre Größe gegenüber den zur Realisation von Horizont eingesetzten WDR-Studio-Geräten hervortat: der schrankgroße Synthesizer "Synthi 100" der Firma EMS London, der unter Berücksichtigung von Vorschlägen Karlheinz Stockhausens entwickelt und Mitte der 1970er Jahre angeschafft worden war. Dieses Instrument, das sowohl zur elektronischen Klangerzeugung als auch zur elektronischen Verarbeitung extern zugeführter Klänge verwendet werden kann,[1] stellt - abgesehen von den von Stockhausen in Bauauftrag gegebenen Rotationstischen und dem WDR-Eigenbau eines Oktavfilters - das erste Gerät des Kölner Studios dar, das gezielt für musikalische Zwecke konzipiert wurde.[2]

Der "Synthi 100" ist zunächst ein Analogsynthesizer mit einer Vielzahl von spannungssteuerbaren und Steuerspannungen erzeugenden Modulen, die über zwei je 3600 Verbindungspunkte (Löcher) aufweisende Steckfelder (eines für die Audiosignale, das andere für die Steuerspannungen) sehr flexibel und schnell miteinander 'verkabelt' werden können. Außerdem verfügt der "Synthi 100" des WDR-Studios über einen Sequenzer, der analoge Steuerspannungsfolgen liefert, diese aber digital speichert, wodurch der Synthesizer insgesamt zu einem sogenannten Hybridsystem wird. Nachfolgend werden die Module des Synthesizers aufgelistet und rudimentär beschrieben, wobei der Funktionsumfang und die Einstellmöglichkeiten nur angedeutet werden können und die vorgenommene Aufteilung lediglich eine konzeptionelle Grundtendenz der Module widerspiegelt - zahlreiche Komponenten des Synthesizers sind sowohl zur (spannungssteuerbaren) Klangerzeugung und/oder -verarbeitung als auch zur Spannungssteuerung anderer Elemente des "Synthi 100" einsetzbar.[3]

Module zur Klangerzeugung:

Module zur Klangverarbeitung:

Module zur Erzeugung von Spannungssteuerungen:
(prinzipiell sind alle Module zur Spannungssteuerung einsetzbar)

Einfaches Prinzip eines spannungsgesteuerten Synthesizers:


Direkt nach der Realisation von Horizont hatte sich Höller mit den Möglichkeiten spannungsgesteuerter Analogsynthesizer auseinandergesetzt. Fast ein Jahr hatte die Einarbeitungszeit in Funktion und Bedienung des für Tangens vorgeschriebenen Synthesizermodells AKS von EMS London in Anspruch genommen,[4] und nun lernte Höller das Studiomodell dieser Firma kennen, das zwar weit größer dimensioniert ist, einen wesentlich größeren Funktionsumfang bietet und außerdem viel genauer arbeitet - beispielsweise weisen die Drehpotentiometer des "Synthi 100" eine Feinmechanik auf, der Synthesizer arbeitet stimmstabiler und ist mit Anzeigeinstrumenten ausgestattet - das aber prinzipiell in ähnlicher Weise funktioniert und bedient wird wie der kleine EMS-AKS und im Grunde wie jeder spannungsgesteuerte Analogsynthesizer, wodurch Höller auch auf seine während der Arbeiten im Elektronischen Studio der Musikhochschule gesammelten Erfahrungen zurückgreifen konnte,[5] um nun das Tonband des anstehenden Werkes fast ausschließlich mit diesem Synthesizermodell in Kombination mit einem ebenfalls von EMS gebauten Vocoder zu realisieren.[6]

Der große Funktionsumfang des "Synthi 100" vor allem im Bereich der Klangverarbeitung - zur Klangerzeugung stellte er weiterhin die inzwischen klassischen Grundwellenarten zur Verfügung - verbunden mit Höllers gewonnenen Souveränität im Umgang mit elektrotechnischen Klangmitteln eröffnete dem Komponisten die Perspektive, eine angestrebte Komplexität elektronischer Klänge zu erreichen und dies in dem vorgegebenen zeitlichen Rahmen, da die Bedienung des Synthesizers im Vergleich zur Verschaltung und Einstellung der 'klassischen' Studiogeräte bei gleichem oder auch höherem Komplexitätsgrad nun einfacher und schneller möglich war. Diese Aussichten mögen ein Anlaß für Höller gewesen sein, von dem in den letzten Kompositionen angewandten technischen Verfahren der elektronischen Verarbeitung von Orchesterinstrumentenklängen abzuweichen. Das kompositorische Prinzip der gleichzeitigen Fixierung von Instrumental- und Tonbandteil sowie die weitestgehende Ausarbeitung des Tonbandteils noch vor der eigentlichen Studioarbeit behielt der Komponist jedoch bei, wie Höller betont:

"Das 4-Kanal-Tonband ist keineswegs als ein sogenanntes 'Zuspielband' zu betrachten, sondern als ein von vornherein mitkomponierter integraler Teil des Ganzen."[7]

Und wie Antiphon, Arcus und Umbra basiert auch Mythos für 13 Instrumente, Schlagzeug und elektronische Klänge auf Höllers Klanggestalt-Kompositionstechnik.

4.2 Mythos: Klanggestalt weiterweiter 

[1]  Der "Synthi 100" steht voll funktionsfähig im WDR-Studio bereit. Ein zweiter "Synthi 100", der von einer anderen Abteilung des Kölner Rundfunksenders ausgesondert worden ist, dient inzwischen als Ersatzteillager.
[2] Vgl. Marietta Morawska-Büngeler, Schwingende Elektronen, a. a. O., S. 37. Die Autorin der Dokumentation über das WDR-Studio zitiert Peter Eötvös, der, wohl unter dem eingeschränkten Aspekt der elektronischen Klangerzeugung, zum "Synthi 100" feststellt: "Der Synthesizer war das erste Gerät, das ausdrücklich für elektronische Musik bestimmt war. Die Geräte, die wir vorher im Elektronischen Studio benutzt haben, waren übliche Meßgeräte. Sie waren sozusagen entfremdet und anders eingesetzt".
[3] Die technischen Angaben zum "Synthi 100" basieren größtenteils auf Paulo Chagas' Zusammenstellung Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks. Ein Überblick über die wichtigsten Geräte, November/Dezember 1990, 34 Seiten, unveröffentlicht. Außerdem sind Informationen eingeflossen, die der Verf. im Dezember 1998 bei einer Vorführung dieses Geräts durch Volker Müller sammeln konnte.
[4] Mitteilung Höllers an den Verf. im Februar 1999.
[5] Das Studio der Musikhochschule in Köln war schon einige Jahre früher als das WDR-Studio mit spannungsgesteuerten Analogsynthesizern ausgestattet worden. Während der Arbeiten zu Klanggitter, Antiphon und Umbra hatte Höller Gelegenheit, diese Geräte für die elektronischen Transformationen der Instrumentalklänge zu nutzen.
[6] Der Vocoder war für die Realisation der Dialoge von Thomas Kessler 1977 angeschafft worden. Vgl. Marietta Morawska-Büngeler, Schwingende Elektronen, a. a. O., S. 89.
[7] Programmheftbeitrag York Höllers zur Uraufführung von Mythos am 22.03.1981 (Funkhaus), in: Musik der Zeit III. Junge Generation, Dienstag, 17. März bis Sonntag, 22. März 1981 (Köln; Funkhaus Wallrafplatz, Musikhochschule, veranst. v. Westdeutschen Rundfunk Köln in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule Köln), hrsg. v. der Pressestelle des Westdeutschen Rundfunks Köln.

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