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4.2 Klanggestalt und Zeitgestalt

Mythos liegt die gleiche 34tönige Klanggestalt zugrunde, die Höller schon bei Umbra verwendet hatte. Auch die Aufteilung in sechs ungleichgroße Phrasen scheint gegeben zu sein, denn Höller erwähnt im Programmheftbeitrag zur Uraufführung von Mythos eine Ableitung von sechs Basisakkorden unterschiedlicher Struktur und Komplexität aus der Klanggestalt.[8] Hörend lassen sich zunächst nur die ersten drei Phrasen erkennen, die ab Takt 14 neun Takte lang nacheinander vom Tonband kommend über Lautsprecher III[9] vorgestellt werden und ab Takt 31, von den Violoncelli mit langen Notenwerten wiederholt und unterstützt von einem kontinuierlich ausgehaltenen tiefen es der Kontrabässe und des Tonbands, einen leisen Klanggrund bilden, auf dem die Hörner zweimal den Ton b "wie einen Ruf" spielen, was von Lautsprecher II "wie ein Echo" beantwortet wird.[10] Der 'Hornruf' erweitert sich anschließend zum Intervall b-c, um danach über einem nun nicht mehr eindeutig auf die Klanggestalt zurückführbaren Klanggrund und unterbrochen von schnellen Akkordanschlägen des Klaviers drei Motive vorzustellen, von denen das erste und dritte ebenfalls keine deutlichen Bezüge zur Klanggestalt aufweisen (das zweite Motiv entspricht einer Transposition der dritten Phrase der Klanggestalt; der vorhergegangene 'Hornruf' b-c läßt sich als Transposition der ersten Phrase interpretieren).

Innerhalb des Werkes übernimmt dieser Teil der Exposition offenbar die Funktion einer Vorankündigung: Die Hörner stellen Motive vor, die in Art einer Vorahnung auf einen späteren Teil der Komposition verweisen, "in dem die Grundgestalt im Gewand Wagner'scher Harmonik vom Tonband erklingt".[11] Innerhalb der Exposition wird dieser Ausblick auf Kommendes durch einen ersten dramatischen Höhepunkt abgeschlossen, dem noch die von Posaunen und Tuba vorgestellte, marcato gespielte sechste und letzte Phrase der Klanggestalt folgt, dies bereits in einem deutlich anderen, in den folgenden Teil überleitenden Charakter.

Auch die formale Anlage von Mythos ist nicht in allen Punkten direkt auf die Klanggestalt zurückführbar. Eine zu erwartende Gliederung in 34 Abschnitte entfällt zugunsten einer Reihung von insgesamt 60 Formgliedern, die durch eine spezielle Zählung zu 12 größeren Teilen zusammengeführt werden (Abschnitte 1; 2a, 2b, 2c...; ...; 12a, 12b). Während die 12-Teiligkeit formal noch mit der Eigenschaft der Klanggestalt, alle 12 Töne der temperierten Skala zu berücksichtigen, in Verbindung gebracht werden könnte, muß die Einteilung in 60 Abschnitte als Ergebnis einer relativ freien Gliederung der zyklischen Gesamtform interpretiert werden, die sich insgesamt an die Strukturierung eines Gedichts anlehnt und der die Aneinanderreihung eines aus der Klang- bzw. Zeitgestalt abgeleiteten Taktfolgeschemas zugrunde liegt. Höller erläutert, er habe "eine analoge 34-gliedrige Taktfolge" aus der Grundgestalt gewonnen, "die im Sinne einer 'Talea' ständig unverändert wiederholt wird. Jeder Takt entspricht - verglichen mit einem Gedicht - einer 'Verszeile', mehrere Verszeilen ergeben eine 'Strophe', mehrere Strophen ein 'Klanggedicht', die insgesamt 12 'Klanggedichte' fügen sich zu einer zyklischen Gesamtform, innerhalb derer es eine Reihe von Querbezügen und Entsprechungen gibt."[12] Im Gegensatz zu Umbra allerdings, wo eine wiederkehrende Taktfolge ohne Kenntnis der aus der Zeitgestalt hervorgehenden Systematik erkennbar war, stellt sich ein 34-gliedriges Taktfolgeschema in Mythos nicht so einfach dar, wie es Höller zusammengefaßt und in Bezug auf das Modell einer isorhythmischen Motette konstatiert. In dem Aufsatz Gestaltkomposition oder Die Konstruktion des Organischen[13] stellt Höller seine Kompositionstheorie vor und erläutert anhand der Klanggestalt unter anderem zu Umbra und Mythos die Ableitung einer entsprechenden Zeitgestalt, die sich bezüglich der Taktarten damit folgendermaßen rekonstruieren läßt:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17
8/4 6/4 5/4 6/4 5/4 7/4 8/4 3/4 3/4 5/4 7/4 2/4 2/4 3/4 3/4 1/4 2/4
 
18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34
1/4 2/4 3/4 4/4 5/4 2/4 6/4 7/4 2/4 2/4 3/4 3/4 2/4 4/4 5/4 6/4 8/4

Nachfolgend wird der Anfang von Mythos und ein Versuch der Wiedererkennung der "im Sinne einer Talea" aneinandergereihten Zeitgestalt dargestellt (alle hier wiedergegebenen Takte beziehen sich auf Viertel, es werden daher nur die Zähler der Taktangaben in der jeweils unteren Zeile eingetragen). Es stellt sich heraus, daß Höller jede zweite Taktartenfolge rückwärts laufen läßt:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17
4 4 4 4 6 5 6 5 7 8 3 3 5 7 2 2 3 3 3
 
18 19 22 23 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 33 32 31 30
3 4 5 5 2 7 2 2 3 3 2 4 5 6 8 6 5 4 2
 
29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 19 18 17 16 15 14 13 12 10 11-
3 3 2 2 7 6 2 5 4 3 3 3 3 3 2 2 5 4
 
-11 9 8 7 6 5 4 3 2 1 2 3 4 5 6 7
3 3 3 4 4 7 5 6 5 3 3 4 4 6 5 6 5 7 4 4
 
8 9 10 11 12 13 14 15 16-18 19 20 21 22 23 24 25
3 3 5 4 3 2 2 3 3 4 2 3 4 5 2 3 3 4 3
 
26 27 28 29 30 31 32 33 34 33 32 31 30 29 28 27 26 etc.
2 2 3 3 2 4 5 6 4 4 6 5 4 2 3 3 2 2 etc.

4.3 Mythos: Elektronische Klänge weiterweiter 

[8] Programmheftbeitrag York Höllers zur Uraufführung von Mythos, a. a. O.
[9] Dies geht aus der Partitur hervor. In der vom Deutschen Musikrat in der Edition Zeitgenössische Musik herausgegebenen Aufnahme von Mythos sind die Töne allerdings auf die beiden Stereokanäle verteilt, was die Vermutung nahelegt, daß sie bei einer vierkanaligen Aufführung über Lautsprecher II links vorne und III rechts vorne abgestrahlt werden (Compact Disk York Höller: Mythos, Antiphon, Traumspiel, Improvisation sur le nom de Pierre Boulez, Mainz 1993).
[10] Mythos, Klanggedicht für 13 Instrumente, Schlagzeug und elektronische Klänge (1979/80), Partitur, Wiesbaden c. 1981, S. 4.
[11] Programmheftbeitrag York Höllers zur Uraufführung von Mythos, a. a. O.
[12] Programmheftbeitrag York Höllers zur Uraufführung von Mythos, a. a. O.
[13] In: Neuland II, 1981/82, S. 140-143.

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