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4.3 Elektronische Klänge

Die ersten drei Phrasen der Klanggestalt zu Mythos erklingen, wie oben beschrieben, ab Takt 14. Eingeleitet wird die Komposition von einem "rauschartigen Klang auf II und III",[14] der in den ersten zwei Takten von Mythos eingeblendet wird und bis zum Takt 25 im pianissimo erklingt. Er besteht aus den vermutlich vom "Synthi 100" erzeugten Tönen dis, e, g, a, die ringmoduliert und anschließend mit Hilfe des Frequency-Shifters vom EMS-Vocoder wellenartig auf- und abwärts transponiert werden. Ab Takt 5 treten von den Lautsprechern abgestrahlte Klänge hinzu, die weder vom "Synthi 100" erzeugt noch verarbeitet worden sind und damit unter den Tonbandklängen von Mythos eine Ausnahme bilden. Es handelt sich um eine Folge von Tamtamklängen, auf die der Melodieverlauf der Klanggestalt projiziert worden ist. Ein aufgenommener, obertonreicher Tamtamklang wurde hierzu mit Hilfe von 15 schmalbandigen Filtern des Vocoders gesiebt, indem in 15 einzelnen Filterungsprozessen jeweils nur einer der Bandpässe auf Durchlaß geschaltet wurde und somit aus dem Grundklang 15 unterschiedliche Teilspektren ausgesiebt wurden.[15] Der EMS-Vocoder verfügt über insgesamt 22 Filter mit aufeinanderfolgenden Frequenzbereichen, die die folgenden Bezugswerte aufweisen (da der Vocoder zur Analyse und Resynthese von Sprachklängen konzipiert wurde, spiegeln die Werte ungefähr die Lage der Lautformanten wider):[16]

1 Tiefpaß 8 639 Hz 15 2500 Hz
2 205 Hz 9 791 Hz 16 3030 Hz
3 249 Hz 10 958 Hz 17 3670 Hz
4 303 Hz 11 1161 Hz 18 4447 Hz
5 367 Hz 12 1406 Hz 19 5388 Hz
6 444 Hz 13 1703 Hz 20 6519 Hz
7 539 Hz 14 2064 Hz 21 7888 Hz
EMS-Vocoder 22 Hochpaß

Die 15 resultierenden Filterklänge wurden gemäß ihrer Frequenzlage den 15 Tonhöhen der Klanggestalt von Mythos zugeordnet (Ambitus der Klanggestalt: große None) und in einer der Tonfolge der Klanggestalt entsprechenden Reihenfolge auf die vier Spuren des Tonbands relativ gleichmäßig verteilt (eine konkrete Raumbewegungsform ist nicht erkennbar). Das folgende Diagramm veranschaulicht diesen Projektionsprozeß. Die 15 benutzten Bandpässe sind übereinander geschichtet und mit 1 bis 15 durchgezählt, daneben sind die zugeordneten Tonhöhen der Klanggestalt vermerkt. Horizontal von links nach rechts ist die Tonfolge der ersten 24 Töne der Klanggestalt eingetragen, die Punkte im Diagramm markieren den jeweils durchgeschalteten Bandpaß.

Projektion der Klanggestalt von Mythos auf eine Folge von Tamtamklängen durch 15 Filtersiebe:
 

Tamtam-Klanggestalt

Auf diese Weise werden die ersten 24 Töne der Klanggestalt bis zum Ende des ersten Abschnitts von Mythos als geräuschhafte Klangfarben- oder Formantmelodie vorgestellt.[17] Im letzten Takt von Abschnitt 1 (Takt 22) endet gleichzeitig mit dieser Rausch-Klanggestalt die oben erwähnte Vorstellung der ersten drei Klanggestaltglieder in konkreten Tonhöhen und mittels elektronischer Klänge vom "Synthi 100", die Höller in der Partitur mit "Flöten" (von Höller mit Anführungsstrichen geschrieben) bezeichnet und die tatsächlich eine Affinität zu traditionellen Instrumentalklängen aufweisen, durch eine klangliche Beweglichkeit jedenfalls kaum noch als zunächst stationäre Oszillatorklänge erkennbar sind. Dies gilt in ähnlicher Weise für das später anzutreffende synthetische 'Hornecho' (ab Takt 42), das zudem durch den musikalischen Rückbezug auf die originalen Hornklänge ('Hornrufe') an instrumentalem Charakter gewinnt.

Der Abschnitt 2a, in dem das Tempo auf 72 Viertelschläge pro Minute erhöht wird (vorher Viertel=66), ist gekennzeichnet durch eine weitere Folge gefilterter Tamtamklänge in nun tiefen Lagen, die sich nicht mehr auf die Klanggestalt zurückführen lassen, zudem durch das Ausblenden des seit Beginn erklingenden ringmodulierten, transponierten Rauschklangs und außerdem durch den Einsatz der elektronisch erzeugten Oktave auf es, die als tiefer Klanggrund über Lautsprecher IV erklingt und bis zum Ende von Abschnitt 2e ausgehalten wird. In Abschnitt 2b setzt zum erstenmal ein live gespieltes Musikinstrument ein, das Klavier, mit dem ein "so tief wie möglich" und "innen mit Paukenschlägeln" gespieltes Tremolo erzeugt wird.[18] Außerdem verfestigt sich nun der tiefste gefilterte Tamtamklang zu einem relativ gleichmäßigen Pulsschlag, der in Abschnitt 2d in eine elektronisch erzeugte Tonwiederholung mit konkreter Tonhöhe es übergeht. Ab Abschnitt 2c unterstützen die Kontrabässe die elektronische Klanggrundoktave auf es in ähnlicher Weise, wie sich in Umbra die Klänge vom Tonband und die tiefen Streicherklänge zu einer Klangbasis vereinigt hatten,[19] während die Violoncelli die drei ersten bereits elektronisch vorgestellten Phrasen der Klanggestalt zeitlich gedehnt wiederholen und hierbei Unterstützung von elektronischen Klängen auf Kanal III erhalten, die sich zusammen mit der liegenden Es-Oktave langsam zu einem Akkord der dritten Phrase schichten. Dieser Akkord-Komplex auf dem 'Grundton' es bleibt im Abschnitt 2e liegen, in dem die Wagner-Motive von den Hörnern vorgestellt werden, er wird angereichert durch einen Akkord gleicher Intervallkonstellation auf dem 'Grundton' b (auf Kanal II) und crescendiert schließlich gemeinsam mit den Orchesterinstrumenten zum Höhepunkt der Exposition, dem sofort ein zweites crescendo folgt.

Bereits in der Einleitung übernimmt die Elektronik die bedeutende musikalisch-inhaltliche Aufgabe der zunächst undeutlichen und dann konkreten Vorstellung der ersten drei Glieder der Klanggestalt. Außerdem kommen den elektronischen und elektronisch verarbeiteten Klängen innerhalb der gesamten Komposition - das Tonband läuft durchgehend - unter anderem formal-strukturierende Aufgaben der Formung größerer Sinnzusammenhänge durch liegend überleitende Klänge (teilweise in Verbindung und klanglicher Verschmelzung[20] mit Instrumentenklängen) und der Abschnittsmarkierung zu (beispielsweise werden die Abschnitte 11a bis 11e und 12a jeweils durch einen lauten kurzen elektronischen Klang eingeleitet); und auch die formale Eigenart der Geschlossenheit der Klanggestalt wird mit Hilfe der Elektronik abgebildet, indem der rauschartige Klang vom Beginn von Mythos auch die Komposition, dann rückwärts laufend, beschließt.

In klanglicher Hinsicht erweitern die elektronisch transformierten und rein elektronischen Klänge zum einen den Orchesterapparat um zunächst geräuschhafte Klänge, die im weiteren Verlauf der Komposition auch stark perkussiven Charakter annehmen, zum anderen ragen nachfolgende Klänge vom Tonband durch spezifisch elektronische Eigenschaften hervor, vor allem durch langgezogene aufwärts oder abwärts geführte Glissandi, durch Amplituden- und Ringmodulation. Gerade im Zusammenwirken mit den bekannten Orchesterklängen gewinnen diese Tonbandklänge an Fremdartigkeit - allerdings ohne als Fremdkörper zu wirken - und damit an mystischer Aussagekraft. Dies und ein mythischer Charakter oder auch eine mystifizierende Funktion wird besonders deutlich an den Klängen, die Höller mit "Flöten" und "Horn" kennzeichnet und die keinen simplen Ersatz für die benannten Orchesterinstrumente darstellen, der ohnehin nicht nötig wäre, da diese Instrumente ja zur Verfügung gestanden haben, sondern gerade durch ihre nur eingeschränkte, gewissermaßen vorgetäuschte Ähnlichkeit mit den Instrumentalklängen den Eindruck von Unwirklichkeit, Sagenhaftigkeit hervorrufen. Im Sinn des Geheimnisvollen, von Ferne und aus der Vergangenheit Kommenden wird auch der dezidiert auf Richard Wagner verweisende Abschnitt 10b von Mythos zwar von unverarbeiteten Streicherklängen vorgestellt, diese sollen aber "leise, wie von einem Fernorchester gespielt, aus den Lautsprechern ertönen".[21]

5. Schwarze Halbinseln weiterweiter 

[14] Mythos, Partitur, a. a. O., S. 1.
[15] Die hier beschriebene Realisation der Tamtamklänge entspricht dem ursprünglichen Arbeitsprozeß von 1979-80. 1995 hat Höller die Klangfolge digital nachbearbeitet oder auch mittels digitaler Technik neu realisiert.
[16] Die Angaben sind Paulo Chagas' Zusammenstellung Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks, a. a. O., entnommen.
[17] Der 23. Filterklang (c) fehlt; ab Filterklang 18 werden ebenfalls über Lautsprecher die drei ersten Phrasen der Klanggestalt in ihrer Originalgestalt (als Tonhöhen, wie oben beschrieben) vorgestellt, wodurch einige Filterklänge verdeckt werden.
[18] Mythos, Partitur, a. a. O., S. 3.
[19] Vgl. Kapitel 3.4.2.
[20] Daß Höller in Mythos ähnlich wie in Umbra eine klangliche Verschmelzung besonders von tiefen elektronischen Klängen mit denen tiefer Streicher beabsichtigt, läßt sich zunächst aus der oben bereits innerhalb der Exposition festgestellten Parallelführung beider Stimmen schließen, vielleicht aber auch aus der Partituranweisung herauslesen: Violoncelli und Kontrabaß sind "nach Möglichkeit elektrisch zu verstärken", womit die räumliche Trennung aufgehoben wird (die Benutzung derselben Lautsprecher vorausgesetzt) und eine Verschmelzungsmöglichkeit durch die Zusammenführung auf technischer Ebene zumindest erhöht wird; siehe Mythos, Partitur, a. a. O., Instrumentationsanweisung.
[21] Ebd., S. 65.

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